Sabrina Jung
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  aus: RISING – Young artists to keep an eye on
DAAB Verlag, Köln 2011
von Rebecca Maria Jäger (english version below)

Mal blickt der Betrachter von Sabrina Jungs „Aussichten“ durch eine Fensterfront in eine unscharfe Ferne, mal wird sein Blick von mit Kondenswasser überzogenen Scheiben geschluckt oder bleibt in einem Innenraum gefangen, dessen Fenster nur die Möglichkeit zum Blick nach Außen bergen. Diese Arbeiten zeigen Aussichten, wie sie im Inneren einer Person existieren oder begehrt werden können. Sie zeigen nicht das tatsächlich vorhandene Bild, sondern mischen Erinnerungs- und Sehnsuchtsbilder mit den Eindrücken eines tatsächlich vorhandenen Ortes, an dem Aussicht erfahren wurde. So sammelt Sabrina Jung fotografisch Aussichten, Einsichten und Durchsichten, archiviert sie, lässt sie sich treffen und fügt sie neu zusammen. Die in dieser Weise erschaffenen Bilder bringen gesellschaftliche oder individuelle Sehnsüchte nach Weitsicht, Klarsicht oder Fernsicht zum Ausdruck. Sie ermöglichen eine Remystifizierung dieser komponierten Orte, ihre gefühlsmäßige oder mental erlebte Neubesetzung.

Gleichzeitig untersucht Sabrina Jung in ihren Arbeiten das Potenzial von Fotografie als einem Instrument zur Transformation persönlicher Erinnerungswerte und deren Wahrhaftigkeit. In der Serie „False Memories“ arbeitet die Künstlerin collagenhaft , indem sie den Fremdfotografien manuell weitere Personen oder Tiere hinzufügt und so neue Beziehungen und Geschichten entstehen lässt. Auch in den Arbeiten der Serie „Masken“ nutzt sie die Collage, um mit dem Inszenierungsaspekt von Fotografie zu brechen und durch das explizite Austauschen von prägnanten Merkmalen wie Augen- oder Mundpartie der porträtierten Personen deren Identität und Geschlecht zu verfälschen. Auf diese Weise entstehen spielerisch symbolische Realitäten. Der Betrachter sieht sich einem Modell für den Umgang mit dem Medium Fotografie gegenüber, dessen Qualität in der Hinterfragung der Tatsächlichkeit von äußerer und innerer Realität sowie der Fotografie als Projektionsfläche besteht. Fotografie befragt hier nicht nur sich selbst, sondern entlarvt zugleich den begehrlichen Blick des Betrachters.

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In Sabrina Jung’s series of Views, our gaze may pass through a front window into a hazy distance, be swallowed up in panes of glass covered with condensation, or may remained trapped inside an interior whose windows harbour no more than the possibility of seeing outside. These works show views as they exist or are coveted inside us. They show not a vista as it appears in real life, but blend images drawn from our memory and our yearnings with impressions of the actual spot from which the view was experienced. Sabrina Jung collects views that look outside, inside, across and through, in photographs she then archives, allows to mingle and finally assembles into new constellations. The pictures created in this way grant expression to social and personal longings for breadth, clarity and depth of vision. They enable the places composed by the artist to be re-mystified, to be filled with new meanings supplied by the feelings or intellect of the viewer.
Sabrina Jung at the same time investigates in her works the potential of photography as an instrument of transformation of personal memories and their truth. In the series False Memories, the artist works in a collage technique, insofar as she manually adds further individuals or animals to photographs by others and thus allows new relationships and stories to arise. She also uses collage in the works in her Masks series, in order to break with the staged aspect of photography and to falsify the identity and sex of the individuals portrayed by explicitly replacing distinctive features such as the mouth or nose. In this way, symbolic realities playfully arise. The viewer is thereby presented with a model of how to approach the medium of photography, a model whose quality consists of questioning the fact of outer and inner reality and of photography as a projection screen. Photography here not only interrogates itself but at the same.