Sabrina Jung
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Eine Felsformation türmt sich auf - in sicherer Distanz, getrennt von uns durch einen Wassergraben. An mehreren Stellen inmitten der zackigen grauen Steine sind Pinguine zu entdecken. Wir wissen, dass es sich um ein gebautes Bild handelt, das Bild einer Landschaft, keine wirkliche Landschaft. Die Pinguine sind natürlich, aber eigentlich auch schon wieder nicht mehr, da sie wie Schauspieler auf einer Bühne erscheinen. Wir sind die Zuschauer eines Schauspiels, das sich „Naturvorstellung“ nennt. Kennen tun wir dies schon lang, die Darstellungsweise ist gebräuchlich, unsere Rolle vertraut. Wir wissen gut zu unterscheiden zwischen dem Wirklichen unserer Beobachtersphäre und dem Bildcharakter des Beobachteten.

Hinter der Szenerie öffnet sich eine große, durch ein Strebennetz gegliederte Glasfront, durch die wir Bäume, vielleicht den Teil eines Waldes sehen können. Gut trainiert, trennen wir dies von der Südpolarinszenierung. Dort draußen, so schließen wir aus unseren Erfahrungen, ist Wirklichkeit, unsere Wirklichkeit aus deutschen Eichen. Das durch das Fenster zu Sehende ist sicher natürlich, nicht künstlich wie die Felsformation. Doch was lässt uns so sicher aus der Fotografie ablesen, dass es sich um wirkliche Bäume handelt? Ist das Fensterbild nicht eine Erscheinung, eine Illusion? Vertrauen wir nicht zu sehr darauf, dass es sich um ein Fenster handelt, wie wir es kennen, etwas, das selbst beiseite tritt, um anderes erkennen zu geben, was hinter ihm vorhanden ist?

Das Illusionierte der Pinguinkulisse kommt uns realer vor als die reale, im Fensterausblick zu sehenden Bäume. Die Bäume scheinen drinnen zu sein, von einer Halbkugel überwölbt, und wir draußen, obwohl unser Verstand uns zuraunt, dass dies doch nicht sein kann.

Mitten drin sind wir in einem Prozess der Auflösung von Gewissheiten, aber auch der Poetisierung des Realen, das entsteht, wenn man sich auf das Gesehene einlässt, wenn man es ernst nimmt in seinen Sprüngen und Brüchen. Mittendrin in einem Bild mit eigenen Gesetzen, eigenen Kräften. Und mitten drin in der Diplomarbeit mit dem Titel „Aussichten“ von Sabrina Jung, in der es noch mehrere dieser Bilder gibt, die ein Fragezeichen im Kopf hinterlassen und etwas zu tun zu haben scheinen mit einer romantischen Konstruktion von Raum, wie wir sie von Caspar David Friedrich kennen.

Thomas Brandt