Sabrina Jung
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Mind Shapes
Zu den Fotocollagen Sabrina Jungs
Harald F. Theiss

“Denn es ist nicht genug, ein Kopf zu haben; die Hauptsache ist, ihn richtig anzuwenden.”
Rene Descartes

... Der menschliche Kopf, ist seit jeher ein zentrales Bildmotiv in der Kunst – vor allem in der Bildhauerei – und steht dabei zwischen Ausdrucksstärke und mehrdeutiger Rolle. Die Faszination dafür mag darin begründet sein, dass wir Menschen den Kopf als zentrales Merkmal des Geistes, der Sinne und vor allem unseres Selbst empfinden. Anders als bei den bisher vertrauten figurativen, meist antiken Kopfbüsten, die später von der Moderne befreit wurden, oder den malerischen und fotografischen Porträtbildern von Menschen in bestimmten Situationen collagieren, digitalisieren, abstrahieren oder fragmentieren die Künstlerinnen in der Ausstellung Mind Shapes den Kopf, schauen dahinter, verdecken oder verfremden sein Antlitz, oszillieren zwischen abstrakten, geometrischen Formen und einem figurativen Objekt. Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels hat sich in etlichen Bereichen eine Transformation vollzogen. Während die Antikenrezeption bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts noch von melancholisch anmutenden Gipsabgüssen von Götterköpfen und der damit untergegangenen klassischen Kultur geprägt war – vor allem, bei den der Arte Povera zuzuordnen Künstlern –, hat sich die Aneignung antiker “Vorbilder” inzwischen verändert. Später und auch heute hat sich das auf sich selbst bezogene Werk oder reproduzierte Abbild formal zugunsten authentischer und existenzieller Erzählungen, sowie einer verstärkten persönlichen Auseinandersetzung mit Alltagsrealitäten gewandelt. Vor allem das dialogische Moment ist ein wesentlicher Aspekt nicht nur des (fotografischen) Porträts. Es wird gesagt, es sei ein Bild eines Menschen, der weiß, dass er abgebildet wird. Der Blick in die Kamera ist auch eine Selbstbefragung und wird zugleich zum imaginären Spiegel. Auch wir als Betrachter:innen erkennen uns in diesem abgebildeten Augenblick wieder. Dieser direkte Blickwechsel, mit dem sonst die (Selbst-) Betrachtung beginnt, verändert sich durch die Verkleidung des Gesichts. Maskerade als Strategie der Inszenierung von Geschlechteridentitäten – zwischen Zeigen und Verbergen?

Immer wieder Köpfe – die Künstlerinnen der Ausstellung Mind Shapes finden für den Kopf ungewohnte Ausdrucksformen. Diese erinnern nur auf den ersten Blick an die Metamorphosen seiner Kultur- und Kunstgeschichte und damit an die Ikonographie von Material und Form im Wandel gesellschaftlicher Konstruktionen. Das immer wiederkehrende dialogische Verhältnis wird durch die künstlerischen Medien verändert, aufgelöst, ausgelöscht und neu zusammengesetzt. So wird die Welt wieder eine andere und spiegelt mit ihren Köpfen möglicherweise auch zukünftige Sichtweisen wider. In gewisser Weise bleiben sie noch rätselhaft. Vielmehr werden neue imaginäre Spuren hinterlassen, die nicht nur im Kopf weiter gedacht und nicht unwiderruflich festgehalten werden. Portrait- und Gender-Narrative verschieben – ja erweitern – den gewohnten Blick und unsere Sehgewohnheiten.

Die Natur des Menschen hat sich in vielerlei Hinsicht verändert – und damit auch die conditio humana. Lange stellte sich die Frage, was passiert in den Köpfen? Der Philosoph David Weinberger sagt, Wissen sei nicht mehr in den Köpfen, sondern zwischen den Köpfen. Dort öffnen sich Räume, die (noch) von Verborgenem erzählen. Einige der ausgestellten Köpfe scheinen leise zu rebellieren, während andere selbstbewusst Fragen nach Geschlechterkonstruktionen stellen und klassische Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit hinterfragen. Über allen Kopfformen schwebt auf vielfälltige Weise der Gedanke der Freiheit – den Kopf (verdrehen in einer Welt, die auf dem Kopf steht. Manche davon scheinen sich hinter der Maskerade aus bisher historisierend erscheinenden Zusammenhängen selbst gelöst zu haben. Dadurch entlarven sie nicht nur bisherige gesellschaftliche Konventionen, sondern sie schaffen auch neue (kollektive) Gesellschaftsbilder in zunehmend kopfloseren Zeiten.

"Eine Maske verrät uns mehr als ein Gesicht”
Oskar Wild

Sabrina Jung verwendet gefundene Fotografien, die sie durch gezielte Manipulationen wie Collagieren oder Übermalen verändert. Es handelt sich dabei ausschließlich um schwarz-weiße Porträtfotografien meist unbekannter Personen, bei denen das Vergangene deutlich sichtbar bleibt. Die Zeitspanne zwischen dem Original und dem Zeitpunkt der Überarbeitung ist Teil ihrer konzeptuellen fotokünstlerischen Praxis. Die Zugehörigkeit des fotografischen Materials – Mensch oder Landschaft – bleibt uneindeutig. Mit diesen Bildern ordnet Sabrina Jung nicht nur bisheriger kollektive Sehgewohnheiten neu, sondern reflektiert möglicherweise auch eine offene, noch nicht konstruierte Gesellschaft. In der Serie FeMales arbeitet sie wieder mit gefundenen schwarz-weiß Porträts, die sie digital koloriert. Die Frauen/Männer auf den Fotos sehen anders, ja ungewohnt aus. Nicht nur die eindeutige Geschlechterzugehörigkeit scheint vorerst aufgehoben. Die Porträts zeigen Menschen, die von dieser Objektivierung befreit sind. Sie wirken eher androgynen, was nicht nur durch die nach Nachkoloration, sondern auch durch die maskenhaften Gesichter unterstützt wird.

 

 

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