Sabrina Jung
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Schminken und BerÜhren
von Theresia Stipp

Übermalte Fotografien stecken in einem Wirbel aus Zeitlichkeiten. Die Nachträglichkeit der malerischen Bearbeitung ist unumgehbar und erzeugt ein Spannungsverhältnis zwischen der Zeitlichkeit des fotografischen Bildes und der der Übermalung.
Von den hier versammelten Positionen spielt der Faktor Zeit bei Sabrina Jung eine gesonderte Rolle. Seit etwa zehn Jahren verwendet Jung gefundene Fotografien, die sie durch gezielte Eingriffe wie Collagierung oder Übermalung verändert. Es sind ausschließlich schwarz-weiße Portraitfotografien von meist unbekannten Personen, in denen sich das Vergangene deutlich eingeschrieben hat. Die zeitliche Distanz zwischen dem Moment der Aufnahme und dem Zeitpunkt der Übermalung sind enorm.
Siegfried Kracauer hat 1927 als erster die Frage gestellt, was mit einer Fotografie passiert, wenn der Bezug zum Abgebildeten (dem „Original“) vergessen wurde. Seine Beschreibungen der Betrachtung einer Fotografie „der“ Großmutter von 1864 zu Beginn des bekannten Photographie-Aufsatzes spiegeln das Betrachten der Fotografien von Sabrina Jung wieder. Das Bild zerfällt in einzelne Fragmente, in denen sich Kleidung und Frisuren einer Mode und damit einer Zeit zuordnen lassen. Das Gesamtbild, die abgebildete Person und ihre Geschichte, entzieht sich jedoch. Für Kracauer versammelt die Fotografie hier die „Summe dessen, was [vom Menschen] abzuziehen ist“. Allerdings entfaltet sie genau in dieser Unabhängigkeit vom Original ihr Potential. Die Fotografie erreicht dann eine Art Nullpunkt, einen Moment der „Vorläufigkeit“, von dem aus sie neue Bedeutungen annehmen kann.
Wenn auch die Erreichbarkeit dieses bedeutungsfreien Nullpunktes zweifelbar ist, scheint der Moment der Kontextbefreiung und Neudeutung auch für Sabrina Jungs Arbeit relevant. Für ihre Serie Women (2017/2018) wählte sie Studioporträts von Frauen aus, die sich offensichtlich für das Foto zurechtgemacht haben. Diese Frauen „schminkt“ Jung, indem sie mit Lasurfarben Wangen, Lippen, Augen oder Hautpartien einfärbt.
Vordergründig schließt Jung hierbei an eine Tradition der Übermalung an, die bis an die Anfänge der Fotografie zurückreicht. Mit einer Selbstverständlichkeit hatten schon die ersten Fotografen zum Pinsel gegriffen, um Portraits ‚lebendiger‘ erscheinen zu lassen oder Schönheits- sowie fotografische Fehler zu überdecken – nicht zuletzt eine Verkaufsstrategie.
Bei Jung muss es um etwas anderes gehen. Ihre Fotografien sind Fundstücke, die keinen Bezug mehr zum „Original“ haben. Die Leerstelle der bedeutungsfrei gewordenen Fotografien füllt sie mit ihrer Fragestellung an die Bilder, die sich in der Übermalung materialisiert. Für Jung entsprechen die ausgewählten Portraits und vor allem die Physiognomien der Frauen „nicht dem weiblichen Schönheitsideal.“ Sie sagt: „Mit der Kolorierung möchte ich die Diskrepanz sichtbar machen, zwischen dem Versuch den Idealen zu entsprechen, diese aber dennoch nicht zu erreichen z.B. durch Schminken, Kleidung, Frisur. Es geht mir um die Frage nach weiblicher Identität jenseits der etablierten Geschlechterrollen. ‚Identität und Geschlecht‘ – und wie diese von der Gesellschaft visuell formuliert werden.“ Es ist ein ahistorischer Blick, der historische Fotografien als Folie für die Überprüfung und Hinterfragung heutiger weiblicher Schönheitsideale nutzbar macht.
Deutlich zurückhaltender sind die manuellen Eingriffe in Sabrina Jungs Serie Touched – Post Mortem (2016-2018), in der die Bearbeitung mit dem Pinsel der direkten Berührung durch die Hand gewichen ist. Die Basis der Bearbeitung bilden hier, wie der Titel andeutet, Post-Mortem-Fotografien, also Aufnahmen von Verstorbenen, die für ein letztes Foto zurechtgemacht wurden. Jung fügt diesen auf Gesicht und Händen ihren Handabdruck zu, als wollte sie sich von den Verstorbenen verabschieden.
Für Jung ist diese Abschiedsgeste von großer Bedeutung. Der Abschied passiert allerdings „auf dem Bild, nicht wie im wahren Leben beim Toten am Totenbett.“ Die Bilder sind, so Jung, „Stellvertreter, sie sind der Träger. Die Beschäftigung mit dem Thema des Sterbens und Verschwindens findet auf der Metaebene statt.“
Für den Abdruck selbst verwendet Jung schwarze Stempelfarbe, die deckender ist als die in der Arbeit Women eingesetzte Lasurfarbe. Dennoch fügt sich der Handabdruck stärker in das Bild ein als die farbige Schminke. Der visuelle Eindruck ist fast der einer Doppelbelichtung. Und tatsächlich bewegt sich Jung mit dieser Geste des Abdrucks im bekannten Metaphernraum der Fotografie. Die Vorstellung, es gebe eine physische Verbindung zwischen fotografiertem Gegenstand und Abbild, der Gegenstand würde sich selbst im Bild abdrücken, wohnt der Fotografie seit ihrer Erfindung inne.7 Sie erhält eine besondere Prägnanz in der Totenfotografie, indem sie den Toten zum Akteur seines Abbildes macht. Jung bedient sich dieses Referenzfeldes und fügt dem Bild (Abdruck) des Verstorbenen ein weiteres hinzu: das ihrer eigenen Hand.
Auch wenn sie sich inhaltlich unterscheiden, gleichen sich beide vorgestellten Serien in ihrem Interesse an dem zu bearbeitenden Foto und dessen Gegenstand. Anders als etwa die ikonoklastischen Gesten Arnulf Rainers mutet Sabrina Jungs Eingriff mit dem Pinsel oder der eigenen Hand wie der Versuch einer Kontaktaufnahme, wie ein Überbrückungsversuch zwischen dem Hier-und-Jetzt und der fotografierten Person an. Im antizipierten Scheitern dieses Versuchs wird jedoch die doppelte Bildlichkeit der übermalten Fotografie deutlich. Denn die Farbe sitzt sowohl im Bild als auch auf dem Bild. Im steten Wechsel des Im und Auf laden die Arbeiten zur Reflexion über Bild, Bildoberfläche und Bildlichkeit ein.